Montag, 27. Mai 2013

StatCounter vs. NetMarketShare: Die Frage ist nun entschieden

Wenn man sich für die Entwicklung der Marktanteile der verschiedenen Webbrowser interessiert, stand man seit Anfang 2012 vor einem Problem: Die beiden wichtigsten Anbieter solcher Statistiken - StatCounter und NetMarketShare - begannen ungefähr zu dieser Zeit deutlich unterschiedliche - in einigen zentralen Aspekten sogar komplett gegensätzliche - Tendenzen auszuweisen. Bei meinen früheren Betrachtungen der Browsermarktanteile war daher immer die Frage zu klären auf welche 'Seite' man sich schlägt.

Ich habe mich damals für StatCounter entschieden und dies auch begründet. Die dort genannten Argumente finde ich weiterhin überzeugend, trotzdem handelte es sich letztlich um Mutmaßungen. Aber nun gibt es ein hartes Faktum, welches endlich eine Frage klärt, welcher Statistiker die besseren Daten liefert:

Google I/O: Chrome hat nun 750 Millionen Benutzer

Ein ganz wesentlicher Gegensatz zwischen StatCounter und NetMarketShare besteht in der Entwicklung der Marktanteile von Googles Chrome Browser. Während der Anteil bei StatCounter seit Jahren kontinuierlich ansteigt und nun bei ca. 40% liegt weist NetMarketShare Chrome seit langer Zeit eine sinkende Tendenz zu. Da von der Frage welchen Marktanteil Chrome hat letztlich auch der Anteil der anderen Browser abhängt - insbesondere der des Internet Explorers -  reicht es eine belastbare Zahl für Chrome zu bekommen. Und diese Zahl wurde auf der gerade beendeten Google I/O Entwicklerkonferenz genannt:

Chrome Wachstum, aus der Keynote der Google I/O 2013
In der Keynote wurde 750 Millionen als die Anzahl der Chrome Nutzer im letzten Monat genannt (siehe die Keynote ab 52:00). Innerhalb eines Jahres ist demnach die Nutzerzahl von 450 Millionen auf diesen neuen Wert gestiegen. Ein ungeheures Wachstum also. Der vortragende Sundar Pichai nennt Google in einem Nebensatz am Anfang der Keynote denn auch den weltweit meistgenutzten Browser.

Es ist mir dabei nicht völlig klar wie Google die Nutzer zählt: Werde ich zum Beispiel 8-fach gezählt, da ich Chrome auf so vielen Geräten verwende und auf den Android Geräten teilweise noch die stabile und die Beta Version parallel? Oder nur einmal, da ich mich in den Browserinstanzen jeweils mit meinem Google Account eingeloggt habe? In jedem Fall gehen in die Google Zahlen auch die mobilen Nutzungen ein und gerade hier hat es in den letzten 12 Monaten ein starkes Wachstum gegeben.

Chrome Browser Desktop Anteil der letzten 12 Monate  bei StatCounter

Chrome Browser Mobil Anteil der letzten 12 Monate bei StatCounter
Wenn man Google nicht zutraut die Welt schlicht zu belügen spricht das Wachstum der Nutzerzahlen bereits ein klares Urteil: StatCounter zeigt grundsätzlich die richtige Tendenz für die Entwicklung von Chrome. NetMarketShare würde nur dann richtig liegen, wenn die Zahl der Internetnutzer in den letzten 12 Monaten noch viel stärker gewachsen sei. Daher bleibt die Frage: Wie viele NutzerInnen hat eigentlich das Internet?

Wie groß ist das Internet

Niemand weiß wirklich, wie viele Menschen heute bereits Zugang zum Internet haben. Und selbst wenn man dies wüsste würde man vermutlich gleich in die Diskussion einsteigen, in wie weit ein Mensch in einem Entwicklungsland, der einmal im Monat in die nächste Stadt geht um ein Internetcafe zu besuchen, mit einem Menschen in den industrialisierten Teilen der Welt vergleichbar ist, der mit einem Highend Smartphone über ein LTE Netz quasi keine Offline Phasen mehr kennt. Es kann sich hier also nur um grobe Schätzungen handeln. Es gibt verschiedene Zahlen:
  • Internet World Stats: Nennt 2,4 Milliarden mit Stand von Juni 2012
  • WDR Bericht über YouTube: In diesem Bericht von Anfang Mai wird YouTubes Nutzerzahl von einer Milliarde als knapp die Hälfte aller Internetbenutzer bezeichnet.
Man kann noch weitere Zahlen ergoogeln, aber wenn man von einem Wert um ca. 2,5 Milliarden ausgeht liegt man heute vermutlich nicht falsch. 

Damit würde der Anteil der Chromenutzer bei ca. 30% aller Internetnutzer liegen. Deutlich mehr als die knapp über 16%, die NetMarketShare ausweist, selbst wenn man den mobilen Anteil noch hinzu nimmt.
Zu StatCounter passt die Zahl hingegen gut: Da dort nicht versucht wird einzelne Benutzer zu identifizieren, sondern rein die Zahl der registrierten Webzugriffe gezählt werden. kann man sich vorstellen das der heute gezeigte Wert von 40% realistisch ist: Für Chrome entscheiden sich die meisten Benutzer bewusst, da dieser Browser außer auf Android Nexus und ChromeOS Geräten nicht vorinstalliert ist. Solche Benutzer sind vermutlich auch im Durchschnitt intensivere Webbenutzer als andere.

And the winner is: StatCounter

Für mich ist damit klar, dass die frühere Einschätzung zu StatCounter stimmt und dieser Anbieter wirklich die besseren Zahlen liefert. NetMarketShare muss hingegen entweder ein besonders unrepräsentatives Segment der Internetnutzerschaft betrachten, oder verdirbt seine Zahlen durch die 'Normalisierungen' und Extrapolationen. Leider geben viele Blogs NetMarketShare den Vorzug, weil es sich scheinbar naheliegend anhört, dass dieser Anbieter verspricht Zahlen über einzelne Nutzer - und nicht über Nutzungen - zu liefern. Die Probleme in der Methodik erkennen viele Blogger erst garnicht.

Ist Chrome heute das größere Ökosystem von Google?

Auf der Google I/O wurde noch eine andere Zahl genannt und zwar die der bisher von Google gezählten Aktivierungen von Android Geräten:

Android Aktivierungen, aus der Keynote der Google I/O 2013
Diese gigantische Zahl von nun 900 Millionen wird ab 7:30 genannt und stellt ebenfalls ein astronomisches Wachstum dar. Da allerdings nicht mehr alle dieser Geräte aktiv sein werden kann man vermuten, dass Chrome und das darin steckende Ökosystem heute vermutlich genauso groß ist wie das Android Ökosystem. Es wird spannend sein zu sehen wie sich die Zahlen in einem Jahr entwickelt haben werden. Chrome kann dabei potentiell weiterhin 'größer' sein, da es sich nicht nur auf Android Geräten, sondern auch auf der iOS Plattform ausbreiten kann (dort allerdings mit funktionalen Einschränkungen).

Wer will kann sich die Keynote auch direkt ansehen: Ich bin eigentlich kein Fan von solchen in die Länge gezogenen Produktvorstellungen, aber bei Google ist das Innovationstempo gerade so hoch, dass man nicht viel Zeit mit Selbstbeweihräucherung verschwendet:

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