Sonntag, 20. Februar 2011

Hat Firefox eine Zukunft?

“For the first time in years, energy and resources are being poured into browsers, the ubiquitous programs for accessing content on the Web. Credit for this trend—a boon to consumers—goes to two parties. The first is Google, whose big plans for the Chrome browser have shaken Microsoft out of its competitive torpor and forced the software giant to pay fresh attention to its own browser, Internet Explorer. Microsoft all but ceased efforts to enhance IE after it triumphed in the last browser war, sending Netscape to its doom. Now it's back in gear. “ - Rich Jaroslovsky in der Business Week vom 25.02.2010.

Wirft man einen Blick in die aktuellen Webbrowser Nutzungsstatistiken von StatCounter für Europa, so sieht man etwas Bemerkenswertes:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Im vergangenen Dezember hat Firefox zum ersten Mal seinen alten Rivalen – den Internet Explorer von Microsoft – überholt! Zwar sieht die weltweite Statistik noch anders aus und in anderen Statistiken wie denen von Net Applications nimmt sich der Anteil von Firefox bescheidener aus, aber trotzdem ist das ein enormer Erfolg, wenn man an die absolute Dominanz des IE denkt, die die Mozilla Gemeinschaft Schrittchen für Schrittchen gebrochen hat. Ist also alles Gut im Hause Firefox?

Stillstand ist Rückschritt

Wenn man sich den weltweiten Verlauf der Browserverteilung für die vergangenen 12 Monate anschaut, so ist neben dem permanenten Fallen des IE Marktanteils und dem ungebrochenen Aufstieg von Google Chrome vor allem die Stagnation des Firefox Anteils auffällig:

Source: StatCounter Global Stats - Browser Market Share

Offenbar gehen die vom IE verlorenen Marktanteile nicht mehr wie in früheren Jahren direkt auf Firefox über, sondern im wesentlichen an Chrome. Wie dieser Wechsel tatsächlich vor sich geht kann nur vermutet werden, aber da Chrome in technisch orientierten Webseiten einen noch höheren Marktanteil hat kann man vermuten, dass weiterhin ein signifikanter Wechsel von IE Nutzern zum Firefox stattfindet, gleichzeitig aber Firefox bei den Nutzern, die viel im Web unterwegs sind, an Chrome verliert.

Die Frage ist an dieser Stelle welche Konsequenzen sich daraus für eines des besten Beispiele für erfolgreiche Open Source Produkte ergeben. Steht Firefox ein massiver Absturz bevor, sobald Microsoft mit dem IE 9 herauskommt und Google sein ChromeOS veröffentlicht?

Microsoft nahm Firefox nie ernst und wird es auch nie tun

Warum hat Microsoft in den vergangenen Jahren eigentlich mehr oder weniger untätig zugesehen, als der Marktanteil des eigenen Browsers immer weiter abnahm? Weil Firefox nie eine ernsthafte Bedrohung des MS Geschäftsmodells darstellte.

Erst nach Googles Einstieg in den Browsermarkt hat sich Microsoft plötzlich wieder gerührt und steht jetzt kurz davor mit der Version 9 des IE einen Browser zu veröffentlichen, der tatsächlich von sich behaupten kann in nahezu allen relevanten Bereichen State-of-the-Art oder gar führend zu sein, sei es Geschwindigkeit, dem Datenschutz und auch bei der Befolgung von Standards.

Warum hat es Google gebraucht um Microsoft hier aufzuwecken bzw. auf einen Weg zu schicken, den sie vielleicht nie gehen wollten? Weil sich bei Google der Browser mit einer Strategie verbindet, die die Microsoft Geldkühe Windows und Office ersetzen will. Dazu brauchte es einen Browser der extrem schnell, besonders sicher und vom Benutzerinterface her besonders schlank ist. Keine dieser Eigenschaften traf auf Firefox zu als Google Chrome Ende 2008 veröffentlicht wurde.

Heute hat es sogar den Anschein als seien auch Apples Safari und Opera an Firefox an vielen Stellen vorbeigezogen, allen bisherigen Bemühungen Mozillas zum Trotz.

In der Zange der Großindustrie

Nicht nur wenn man sich die Browsercharts ansieht kann man den Eindruck gewinnen, dass Firefox zunehmen in die Zange zwischen Microsoft und Google gerät: Was hat Firefox einem extrem verbesserten IE 9 entgegen zu setzen, hinter dem die riesigen Entwicklerressourcen eines Unternehmens stehen, welches sich in seinem ureigenstens Geschäft bedroht sieht?

Wie kann man mit Google konkurrieren, dass seine ubiquitären Marketingmöglichkeiten im Netz für eine massive Bewerbung seines Browsers nutzt und sogar die Städte mit Plakaten übersät? Ganz abgesehen davon, dass Chrome schneller, sicherer und einfacher ist und mit unglaublicher Geschwindigkeit weiter entwickelt wird?

Es ist daher nicht unrealistisch anzunehmen Firefox habe seien absoluten Höhepunkt erreicht und vermutlich schon überschritten. In diesem Jahr wird vermutlich der Abstieg beginnen, wozu neben der erstarkten Konkurrenz auch die Versäumnisse in folgenden Bereichen beitragen werden:

Vertane Chance 1: Der Browser als Betriebssystem

Google wird in wenigen Monaten Chrome OS herausbringen, ein auf Linux basierendes Betriebssystem, welches als einzige Anwendung den Chrome Browser zur Verfügung stellt. In diesem System ist der Browser und der Internetzugriff alles, jeder genutzte Dienst ist webbasiert. Auf der anderen Seite kann auf dieser Plattform kein anderer Browser installiert werden, jeder mit Chrome OS verkaufte Rechner ist dauerhaft ein Chrome Nutzer mehr im globalen Marktanteil.

chrome

Im Grunde hätte sich die Grundidee eines Linux System mit Browser auch gut mit Firefox implementieren lassen und tatsächlich gab es auch kleinere Versuche in dieser Hinsicht. Allerdings sah man nie die große Vision und die Antriebskraft im Mozilla Umfeld, um auf diese Weise einen echten Gegenentwurf zur Microsoft Welt zu schaffen, wie es Google jetzt versucht.

Eher wahrscheinlich ist es das Microsoft oder vielleicht Apple einen ähnlichen Weg gehen wie Chrome OS und stark reduzierte Versionen ihrer Betriebssysteme auf dem Markt bringen, auf denen natürlich die eigenen Browser dominieren werden.

Vertane Chance 2: Die mobilen Plattformen

Wenn man nach Firefox mobile sucht gelangt man in diese Seite des Mozilla Projektes. Dort kann man Firefox für Nokia Geräte herunterladen. Keine Links zu Android oder gar iOS Versionen. Zwar gibt es eine Android Version, aber die ist noch im Beta Stadium und spielt heute keine Rolle.

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Mit dem rasanten Aufstieg von iPad und Android im vergangenen Jahr und der in 2011 erwarteten Flut von Tablets sollte man meinen auch die Firefox Entwickler hätten sich diesem Feld zugewandt. Aber dem ist nicht so. Statt dessen dominieren die von Apple und Google mitgelieferten Browser (die auch ganz hervorragend sind) sowie Opera.

Angesichts der technologischen Rückständigkeit z. B. bei der Geschwindigkeit und der bisher geringen Erfahrungen mit Touch Screen Oberflächen ist hier ein großer Durchbruch auch nicht zu erwarten. Schon heute taucht hingegen der iOS Browser gelegentlich in globalen (und nicht mobilspezifischen) Statistiken auf, ein klares Zeichen dafür, dass die mobilen Browser die Gesamtmarktanteile in Zukunft stark beeinflussen werden. Auch hier steht Firefox also unter Druck.

Problem: Wer will schon für den Drittbesten arbeiten

Vielleicht wirkt meine Betrachtung übermäßig pessimistisch und es wird auch nicht so sein, dass Firefox in kürzester Zeit drastisch einbricht, dazu sind die Zyklen in der Entwicklung der Browsermarktanteile bisher immer viel zu träge gewesen. Trotzdem stellt sich die Frage wie sich Mozilla langfristig aufstellen will und dabei ist möglicherweise die Frage des Wettbewerbs um talentierte Entwickler wichtig.

firefox

Heute ist Firefox nur noch in sehr wenigen Stellen führend, so vielleicht in der Anzahl der verfügbaren Erweiterungen. In allen anderen Aspekten haben ihn die Konkurrenten überflügelt und insbesondere Google legt weiterhin ein enormes Tempo bei der Weiterentwicklung seines Browsers vor. Und Microsoft wird so lange nicht nachlassen, wie Google vorlegt.

Bei einem Open Source Projekt stellt sich aber immer auch die Frage ob sich genügend Leute finden lassen, die es so cool und spannend und innovativ finden, dass sie ihre Zeit darin investieren. Und bei Firefox stellt sich nun die Frage warum man seine Zeit in ein Produkt investieren sollte, welches offenbar hoffnungslos hinterher hinkt und – aus meiner Sicht – auch keine realistische Chance auf eine Rückgewinnung der Führungsposition in absehbarer Zeit hat.

Hier ist vielleicht die Vernachlässigung des Mobilbereichs am schädlichsten, da zur Zeit alle spannenden Sachen in Apps und auf Smartphones stattfinden und der “Mobile first!” Slogan geradezu sprichwörtlich geworden ist.

Risiko: Alle Browser in Firmenhänden

Und was wäre so schlimm daran, wenn Firefox dem Weg Netscapes in die Hallen der IT Geschichte folgen würde? Abgesehen von einer gewissen Nostalgie vielleicht einfach die Tatsache, dass danach alle wesentlichen Browser in Firmenhänden wären. Daran ändert auch nur wenig, dass Apples Webkit und Googles ganzer Chrome Browser Open Source sind.

So lange die großen drei Apple, Google und Microsoft noch miteinander konkurrieren wird es Weiterentwicklung geben, was aber, wenn diese sich einmal ‘einig’ werden? Schon heute zeigt die Diskussion um die HTML 5 Video Formate h.264 und WebM die Erstarrung der Webtechnologien in einigen Bereichen, die nur noch von großen Konzernen (im Konkurrenzkampf mit anderen großen Konzernen) aufgebrochen werden kann.

Vielleicht bleibt Mozilla irgendwann nur noch der Weg sich den Open Source Produkten der Industrie anzuschließen, diese zu kuratieren und an einigen wenigen Stellen im Sinne der Endkunden zu verbessern. Das würde vom ursprünglichen Stolz ein weltbewegendes Produkt zu schaffen nicht mehr viel übrig lassen, aber es wäre immerhin eine Möglichkeit grundsätzlich im Spiel zu bleiben. Es bleibt auf jeden Fall spannend…

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